Fable - The Lost Chapters

Fable - The Lost Chapters

(Microsoft Games)

geschrieben von Daniel Lander

 

Peter Molyneux! Bei diesem Namen bekommen einige ältere Spieler wegen Titeln wie Populous, Magic Carpet oder Dungeon Keeper feuchte Augen. Aber auch ein paar Jüngeren dürfte der Name nach Spielen wie Black & White oder Fable etwas sagen. Von Letzterem gibt es nun, entgegen aller anfänglichen Behauptungen, auch eine PC-Version. Ob diese erweiterte Version nur diejenigen ansprechen soll, die keine Xbox ihr Eigen nennen können oder ob sie auch alte Hasen noch einmal hervorlocken will, soll dieses Review zeigen.

Story

Die Geschichte beginnt an einem schönen, sonnigen Tag in einer kleinen Ortschaft namens Oakvale im Lande Albion. Ein kleiner Junge bekommt von seinem Vater noch einmal den Hinweis, dass er ja noch ein Geschenk für die Schwester besorgen müsse. Um dem Kleinen ein bisschen zu helfen, bietet er ihm an, für jede gute Tat ein Goldstück zu zahlen. So macht sich der Bursche auf und nur kurze Zeit später hat er das Geld beisammen und kann bei einem Händler auf dem Marktplatz eine Schachtel mit Pralinen erstehen. Frohen Mutes läuft er zur Schwester, um ihr das Präsent zu übergeben.

Da passiert das Unglaubliche: Oakvale, das bisher von Räubern und ähnlichen Gestalten verschont geblieben war, wird von ebensolchen Vagabunden überfallen und niedergebrannt. Wer sich nicht retten kann, wird erschlagen. Der kleine Junge kann sich nur durch Glück verstecken und muss aus dem Hintergrund mit ansehen, wie sein Vater ermordet und seine Mutter und Schwester entführt werden. Um ihn nicht dasselbe Schicksal erleiden zu lassen, eilt ihm ein Mitglied der Gilde zu Hilfe und nimmt ihn auch gleich dorthin mit. Die Gilde, eine Organisation, in der seit langer Zeit Jungen und Mädchen dafür ausgebildet werden, eines Tages die Wälder, Sümpfe und Gebirge Albions als Helden zu durchstreifen, unabhängig von jeglichen moralischen Richtlinien wie gut oder böse, bietet dem Jungen ein neues Zuhause. Und in ihm lodert die Flamme, die nach Rache und Vergeltung für Vater, Mutter und Schwester schreit. Mehr soll an dieser Stelle allerdings nicht verraten werden, da die Geschichte immer wieder Wendungen macht und hier nichts von der Spannung genommen werden soll.

Gameplay

Bereits zu Beginn kann man eine der grundlegendsten Entscheidungen fällen, die man in Fable treffen kann: Gut oder Böse? Hell oder Dunkel? Denn fast alle Möglichkeiten an Gold zu kommen, kann man auf verschiedene Art und Weise angehen. Beispielsweise beauftragt ein Händler den Spieler, auf seine Kisten aufzupassen, während er weg ist. Ist man gut und befolgt die Anweisungen des Händlers, erhält man "gute" Punkte und später ein Goldstück vom Vater. Ist man böse und schert sich einen Dreck um die Belange des Händlers und nutzt die Gunst der Stunde, um doch einmal nachzuschauen, was denn so Wichtiges in den Kisten ist, bekommt man dafür "böse" Punkte und findet in einer der Kisten auch das gewünschte Gold. Vom Vater bekommt man dann natürlich nichts mehr. Diese Entscheidungen trifft man das ganze Spiel über. Und je nachdem, wie man sich entscheidet, ändert sich auch das Aussehen des Helden. So erhält ein Held, der stets Gutes tut, im Laufe des Spiels helle Haare, eine leuchtende Aura und kleine Schmetterlinge flattern um den Kopf. Einem Bösewicht hingegen fallen die Haare aus, wachsen Hörner und Fliegen schwirren stets um den Helden herum. Bis auf das Aussehen haben diese Entscheidungen jedoch kaum Auswirkungen. Händler verkaufen auch Schurken ihre Waren und Räuber trauen auch einem Fast-Heiligen, der Räuberklamotten trägt. Insofern ist es im Prinzip eine Geschmacksfrage, ob man lieber Hell oder Dunkel ist. Neben der Gesinnung beeinflusst noch ein weiterer Faktor das Aussehen des Helden: das Alter. Mit fortschreitender Spieldauer altert man und zum Schluss eilt nicht mehr ein Teenager durch die Gegend, sondern ein 65 jähriger Greis, der allerdings nichts von seiner jugendlichen Spritzigkeit verloren hat.

Wenn man dann die Vorgeschichte erledigt hat, bekommt man von der Gilde in einem Kartenraum Quests, die die braven (oder nicht so braven) Bürger Albions dort hinterlassen haben. Von den Quests gibt es zwei verschiedene Arten: goldene und silberne. Goldene Quests bedeuten Aufträge, die den Spieler weiter in der Hauptstory voranbringen und silberne Quests stehen für optionale Nebenquests, die sich hauptsächlich zum Erfahrung- und Geldsammeln eignen. Jedes Mal, wenn man eine Quest annimmt, kann man dazu noch große Ankündigungen machen, wie: "Ich werde die Räuber besiegen, ohne einen Kratzer zu erleiden!" oder "Ich werde den Werwolf ohne jegliche Rüstung am Leib erledigen!" Diese Ankündigungen erschweren die Quests oft deutlich, bringen aber auch sehr viel mehr Geld. Mit dem erworbenen Mammon kann man dann in den Dörfern und Städten einkaufen, wobei man beachten muss, dass es nicht alle Gegenstände überall und immer zu kaufen gibt. Preisvergleiche lohnen sich also und wer mitten in der Nacht ein Schwert haben will, muss entweder bis zum nächsten Morgen warten oder das Schloss des Ladens knacken.

Während der Quests und auch dazwischen stapft man dann durch die detailreich gestalteten Wälder und Dörfer, wobei allerdings gleich am Anfang auffällt, dass die Wege deutlich festgelegt sind. Freie Bewegungsmöglichkeiten wie bei Gothic oder Morrowind sucht man vergeblich. Dadurch werden die Missionen und auch das gesamte Spiel sehr linear, da man nicht mal eben über diesen Hügel laufen kann oder schauen kann, was hinter jener Biegung ist. Kleinere Geheimnisse sind zwar eingebaut, können den Erforschergeist aber nur bedingt befriedigen. Relativ schnell stößt man dann auch auf die ersten Bösewichter, die man nicht nur an einem roten Rahmen erkennen kann, wenn man mit dem Mauszeiger über sie fährt, sondern auch auf der Minikarte rechts oben auf dem Display. Dort werden übrigens alle Gegner, wichtigen und sonstigen Personen der aktuellen Umgebung dargestellt. Zusätzlich erkennt man auf der Karte, die auch noch mal vergrößert werden kann, alle Ausgänge in andere Gegenden und ob in einer Richtung vielleicht ein Questziel liegt.

Gesteuert wird der anfangs noch sehr junge Held aus einer 3rd-Person-Ansicht direkt hinter ihm, die stufenweise gezoomt werden kann, wobei allerdings nur zwei Stufen zur Verfügung stehen. Die grundlegende Steuerung kann sich der Spieler aus zwei vorgefertigten Schemata auswählen, die einerseits die Tasten WASD und andererseits die Cursor-Tasten in den Vordergrund stellen. Zusätzlich kann er die Steuerung auch selbst konfigurieren. Zwei Tasten dienen zum Ziehen von Fern- und Nahkampfwaffen und mittels einer weiteren Taste und dem Mausrad kann man schnell zwischen den Zaubern hin- und herschalten und diese auch relativ schnell wirken. So ist man schnell vertraut mit dem Kampfsystem und hackt, schießt und brutzelt sich durch die Gegner. Außerdem gibt es noch eine Art Schnellstartleiste, auf die man individuell häufig benutzte Gegenstände oder Emotes legen kann. Emotes sind bestimmte Gefühlsbezeugungen, Posen und ähnliche Spielereien (zum Beispiel Rülpsen, Flirten oder Tanzen), wie sie unter anderem schon bei etlichen Online-Rollenspielen zur Anwendung kommen. Schlussendlich gibt es noch drei kontext-sensitive Tasten, die, je nach Spielsituation, verschiedene Aktionen ausführen. Ist man verwundet, ist eine der Tasten für Heiltränke reserviert, hat man gezaubert, liegen die Willenskrafttränke auf einer anderen Taste. Auch Angeln und Graben werden dort angezeigt. Neben den Heil- und Willenstränken gibt es auch Wiederherstellungstränke, die den Helden komplett heilen, falls er seine gesamte Gesundheit verlieren sollte. Leider verkommt das System mit der Zeit immer mehr zum Hack'n'Slay, da der Spieler eher durch wildes Rumschlagen als durch strategisches Vorgehen zum Sieg kommt.

Erfahrung sammelt man im Prinzip auf drei verschiedene Arten: Man bekommt für abgeschlossene Quests Erfahrung, teilweise auch abhängig davon, wie schnell man war und ob man zum Beispiel eine Schutzperson ohne Kratzer durch eine gefährliche Gegend gebracht hat. Die zweite Möglichkeit ist, kleine oder große grüne Kugeln aufzusammeln, die die Gegner nach ihrem Tode fallen lassen. Nervig ist dabei, dass sich diese Kugeln physikalisch korrekt an die Umgebung halten. Tötet man also einen Gegner an einem Berghang, muss man den Kugeln schon mal hinterher rennen. Die dritte Möglichkeit ist der Kampf gegen die Bösewichter selbst. Je nachdem, wie man den Gegner bekämpft, also ob im Nah- oder Fernkampf oder mit Magie, erhält man spezielle Erfahrung. In der Gilde kann man dann die gesammelte Erfahrung dazu benutzen, die Werte und Fertigkeiten des Helden zu steigern. Die Erfahrung von den Quests und aus den aufgesammelten Kugeln kann dabei für alles benutzt werden, während die speziellen Erfahrungspunkte nur für den entsprechenden Bereich verwendet werden können. Wer oft mit dem Schwert oder der Axt zuschlägt, kann also bald seine Stärke, Gesundheit oder Konstitution erhöhen, während Bogenschützen schneller, zielgenauer und listiger werden. Als Magier schließlich kann man die Willenskraft erhöhen, um mehr Zauber zu wirken und man kann neue Zauber lernen oder schon bekannte perfektionieren. Durch die große Menge an Erfahrung, die man im Laufe des Abenteuers sammelt, ist es aber auch ohne Probleme möglich, den zu Beginn noch stur mit dem Schwert kämpfenden Tölpel zum geschickten Zauberkämpfer umzuschulen, der seine Gegner erst aus der Entfernung mit dem Bogen dezimiert und dann, verstärkt durch ein paar Zauber, in den Nahkampf geht.

Neben den Quests hat man aber auch noch andere "wichtige" Dinge zu tun: Überall in Albion sind Gewässer, an denen man an bestimmten Stellen angeln kann. Und wer eine Schaufel sein Eigen nennen kann, der darf auch ab und zu Löcher in den Boden graben. Dann gibt es auch ein paar kuriosere Nebenbeschäftigungen. So gibt es im Laufe des Spiels einen Hühner-Tret-Wettbewerb, bei dem es darum geht, ein Huhn auf bestimmte Felder zu treten. Mit Anlauf versteht sich. Oder man kann ein Bordell betreiben und sich so ein kleines Zusatzeinkommen neben dem Heldentum aufbauen. Außerdem sitzt in jedem Gasthaus ein Herr, bei dem man sich an verschiedenen Mini-Spielen versuchen kann. Beispiele dafür sind Memory, Black Jack oder das so genannte "Münzenstoßen". Schlussendlich verlieben sich immer mal wieder Bürger und Bürgerinnen in den Helden. Und falls man eines der Häuser besitzt, die gekauft werden können, kann man eine Glückliche oder einen Glücklichen ehelichen und im eigenen Haus die Wände wackeln lassen. Man ist also in seiner sexuellen Freiheit nicht eingeschränkt. Wer will, kann sich auch scheiden lassen und neu heiraten. Das Spiel führt nebenbei über alle diese Tätigkeiten Buch, so dass man immer wieder nachschauen kann, wie viele Bewohner Albions beispielsweise ihr Herz an den Helden verloren haben. In fast jeder Stadt gibt es außerdem auch einen Barbier oder einen Tätowierer, der dem Charakter anhand gefundener Karten ein individuelles Aussehen verpassen kann.

Noch zu erwähnen bleibt das Speichersystem, das seine Konsolenherkunft nicht verbergen kann. Während man nicht in einem Questgebiet ist, kann man ganz normal speichern. Sobald man allerdings in einer Umgebung ist, in der eine Quest zu erledigen ist, werden beim Speichern nur die Charakterwerte des Helden gespeichert. Wenn man also während einer Mission neu lädt, startet man, egal, wo gespeichert wurde, die Quest komplett neu. So ist man gezwungen, jede Quest auf einen Rutsch zu beenden.

Grafik

Obwohl die Engine die Gleiche ist wie bei der ein Jahr alten Xbox-Version und nur für den PC optimiert wurde, braucht sie sich nicht zu verstecken. Vor allem die Licht- und Spezialeffekte bei den Zaubern und den Waffen, sowie die Animationen der Gesichter wissen zu gefallen. Die Texturen sind sehr aufwendig gestaltet und überall sieht man kleine Details, die Albion insgesamt sehr lebendig erscheinen lassen. Nur wenige Figuren, meist normale Gegner, sind ein wenig kantig gehalten worden, dafür sind vor allem die Zwischen- und Endgegner oft sehr genau modelliert. Auch der Tag- und Nachtwechsel fällt nicht durch abrupte Wechsel von Hell auf Dunkel auf. Vielmehr dämmert es langsam und irgendwann ist es dann Nacht.

Sound

Auch dem Sound merkt man das eine Jahr überhaupt nicht an. Insbesondere die Musikuntermalung von Robert Shaw und Danny Elfman, der sonst Filme wie Men in Black oder Batman vertont hat, passt sich immer wieder dem Spielgeschehen an. Mal treibend, mal leise, aber niemals störend oder unpassend. Neben der sehr guten Musik ist auch fast das gesamte Spiel mit Sprachausgabe versehen worden. Jeder Charakter im Spiel hat etwas zu sagen. Alle, bis auf einen: Der Held bekommt bis auf ein paar Grunzer, Schluchzer, Schreie und Ähnliches nichts über seine Lippen und die Gesprächspartner können wohl entweder Gedanken lesen oder sehr viel aus der Mimik des Helden ablesen.

Technische Daten
Entwickler: Lionhead Studios
Publisher: Microsoft Games
Genre: Action-Adventure/Rollenspiel
Release-Date: bereits erhältlich
Homepage: Fable – The Lost Chapters
Preis: 39,99 €
Altersfreigabe: Freigegeben ab 16 Jahren gemäß §14 JuSchG

Kommentare zu diesem Artikel


Fazit

   Der von Peter Molyneux versprochene Rollenspiel-Meilenstein ist Fable bei Weitem nicht geworden. Auch nicht die Lebenssimulation, in der jede Entscheidung die Welt verändert und Bäume wachsen können. Allerdings ist das, was schlussendlich dabei herausgekommen ist, immer noch ein überdurchschnittlich guter Mix aus Action-Adventure und Rollenspiel. Negativ fallen eigentlich nur die einschränkende Linearität des Gesamtspiels, das auf einem PC nicht optimale Speichersystem und die doch recht kurze Spielzeit auf. Bis zum Endgegner der Xbox-Version vergingen ungefähr elf Stunden und für die Story, die danach für die PC-Fassung neu dazugekommen ist, noch mal etwa zwei Stunden. Für ein Rollenspiel viel zu wenig. Nichtsdestotrotz können vor allem diejenigen, die Fable bisher mangels Konsole nicht spielen konnten, bedenkenlos zugreifen, solange sie kein reinrassiges Rollenspiel erwarten. Für diejenigen, die die alte Fassung schon durchgespielt haben, bietet vor allem die Fortsetzung und Vollendung der Geschichte um den Helden und Albion einen Anreiz. Allerdings wäre da vielleicht eine Art Update der alten Version über Xbox Live kundenfreundlicher gewesen, da für das gebotene Geld im Vergleich zur Xbox-Ausgabe doch wenig Neues geboten wird. (07.10.2005)


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